Ich bin zuständig für die Befüllung des iPods meines 10-jährigen Patenkindes und ich bin ja immer versucht, sie - auch gegen ihren Willen - für Neues zu begeistern und ihren musikalischen Horizont zu erweitern. Das klappt auch ganz gut. Im großen und Ganzen haben ihre Mutter und ich sie schon auf einen ziemlich guten Musikgeschmack getrimmt - für ihr Alter zumindest.
Bis auf die unvermeidliche Christina Stürmer, die Pussycat Dolls und den obligatorischen Kiddy-Contest-Müll ist eh das meiste gut zu gebrauchen.
"Hast Du nicht "Die Eine 2005?", fragt sie mich letztens.
"Nein. Hab ich leider nicht.", sag ich.
"Aber das hast du mir doch mal auf meine Weihnachts-CD gebrannt. Da hattest du's doch auch!"
"Ja, aber das hab ich gleich danach gelöscht."
"Warum denn?"
"Mir hat das einfach nicht so gut gefallen."
"Hä? Wieso? Das ist doch voll cool!"
Ich werfe, ohne dass sie es merkt, ein paar Sachen nach meinem Geschmack in ihre Playlist. Dann arbeiten wir den Rest ihrer Wunschliste ab.
"Was willst Du denn sonst noch drauf haben?", frage ich.
"Was wo eine Frau singt. Ich mags lieber, wenn eine Frau singt."
"Frauen … Hmmm… Da hab ich leider nicht so viel."
"Wieso denn?"
Gute Frage. "Keine Ahnung. Wahrscheinlich mag ich's lieber, wenn ein Mann singt."
Sie schüttelt erwachsen den Kopf und verdreht die Augen: "Ja, ja. Der Pete, ha?"
"Ja, der auch.", lache ich.
"Da hab ich was von Seether. Da singt zumindest eine Frau mit. Gefällt Dir das?"
Sie hört aufmerksam zu. "Ja, ok."
"Oder das da? Portishead."
"Nein. Ist ja voll traurig."
"Aber schön!"
"Ts…"
"Das hier heisst Angel, Massive Attack. Und?"
"Ja."
"Ist aber doch auch traurig!"
"Ja, aber das ist schön."
"OK."
Dann geb ich's doch noch zu: "Du, ich hab dir noch zwei sehr coole Lieder drauf getan. Singt aber ein Mann."
Erst ein fragender Blick, dann plötzlich die Erkenntnis und eine gerümpfte Nase. "Sicher vom Pete, oder?" Manchmal spricht sie mit mir wie eine Mutter mit ihrem Kind.
"Ja. Aber die sind von der Band, in der der Pete früher war. Die gibts leider nicht mehr."
Sie stöhnt: "Aber das gefällt mir sicher nicht."
"Das gilt nicht! Das ist bei der Musik wie mit dem Essen.", sag ich. "Bevor du's nicht probiert hast, darfst du nicht sagen, dass es nicht schmeckt. Hör dir die Lieder 3x an und wenn sie dir dann immer noch nicht gefallen, dann lösch ich sie wieder weg. Ok?"
Sie gibt auf. Grinst. "Aber der Pete ist eklig."
"Da singt ja auch noch der Carl mit."
"Wer ist der Carl?"
Ich zeig ihr ein Foto. Pete und Carl teilen sich ein Mikro und sehen sich intensiv in die Augen.
"Sind die schwul?" Entrüstung.
"Wahrscheinlich nicht.", sage ich mit Bedauern in der Stimme und suche ein Bild von Carl - ohne Pete.
"Schau!", sage ich. "Der ist doch nicht eklig, oder?"
Sie kneift kritisch die Augen zusammen und meint: "Na besser als der Pete jedenfalls."
Sie zieht ab mit ihrem kleinen Shuffle und ich frag mich, ob ich es jemals schaffen werde, sie zu einem echten Libertines-Fan zu machen.
Aber selbst wenn nicht - eine Zehnjährige, die Jeff Buckley cool findet, ist ja auch schon mal gar nicht übel.
- denkt Mira Bellenbam mit stolz geschwellter Brust und öffnet zur Feier des lauen Abends ein Bier
Mira_Bellenbaum - 1. Aug, 21:09
Sommer 2001.
Ich hab geduscht, weil ich das öfters tue, und mein Ex-Arbeitskollege Marcello ist vor meinem Fernseher gesessen und hat sich die Nachrichten angesehen. Ich hab schon gehört, dass es geläutet hat, aber ich hab mir gedacht, dass der Marcello eh weiß, wie man eine Tür aufmacht. Hat er nicht. Ich hab mich also, tropfnass wie ich gewesen bin, in die Klamotten reinkämpfen müssen und bin runtergerannt, um aufzumachen.
Nach 3 Tagen Hitze ist grad ein wunderschönes Sommergewitter gewesen. Die Tropfen sind so groß gewesen wie Tennisbälle und warm und es hat gerochen, wie in den Sommern als ich noch laaaange Ferien hatte und immer nur barfuss gegangen bin.
Und da ist eine Frau vor der Tür gestanden, genauso tropfnass wie ich, die hat gelächelt und mir einen Ausweis vors Gesicht gehalten. Von der Radio- und Rundfunkgebührenstelle sei sie, hat sie gesagt. Und ob ihre Information schon stimmen kann, dass ich die Einzige im Haus bin, die keinen Fernseher hat, weil sonst sind alle schon angemeldet.
Also, das war jetzt schon blöd, weil einen Fernseher hab ich schon gehabt, seit längerem nämlich und in letzter Zeit hab ich oft umschalten müssen, weil’s da so eine Werbung gegeben hat wegen dem Fernseher-Anmelden. Da hat der Fernseher mit dir gesprochen und gefragt, ob du ihn schon angemeldet hast und dann hat er sich als Mikrowelle getarnt, damit ihn die Kontrollleute nicht erkennen. Aber das hab ich blöderweise nicht auf Video aufgezeichnet und ich hab mir schon gedacht, dass die Frau gleich merken wird, dass das ein Fernseher ist, weil wer hat schon eine Mikrowelle im Schlafzimmer stehen? Auf jeden Fall hab ich bei dieser Werbung immer ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich hab nämlich auch drauf spekuliert, dass die nur behaupten, dass sie das kontrollieren, damit die Leute Angst kriegen und gleich von selber den Zettel ausfüllen. Aber jetzt ist die Frau vor mir gestanden und hat ganz real getropft und hat mir den Ausweis hingehalten und ich hab mir gedacht, au weh, jetzt bist Du dran, Mira_Bellenbaum.
Ich hab ja was sagen müssen und ich hab dann gesagt, ja, also ich hab eigentlich schon einen Fernseher. Ich hätt die Frau nicht anlügen können. Erstens mag ich die Lügerei nicht und zweitens hat die Frau so nett ausgeschaut.
Ob ich den nicht angemeldet hab, hat die Frau gefragt.
Nein, da bin ich noch nicht dazugekommen hab ich gesagt, weil das ja irgendwie gestimmt hat.
Ja, dann sollten wir wohl einen Zettel ausfüllen, hat sie gesagt.
Ich glaub ich hab wie ein geprügelter Hund ausgesehen. Ganz mitleidig hat die Frau geschaut. Die Frau hat sich auf den guten Stuhl in der Küche gesetzt und hat mich gefragt, wie lange ich den Fernseher denn schon hab. Schon länger, aber wissen Sie, ich hab grad einen neuen Mitbewohner gekriegt und da ist alles ein bisschen drunter und drüber gegangen und wir haben uns das noch ausmachen wollen, wissen Sie, hab ich ganz ausführlich erklärt.
Ja dann, hat die Kontrollfrau gesagt und geseufzt, ich schreib halt mal Mai 2001 hin, da müssen sie halt ein bisschen was nachzahlen. Ich hab ein bisschen aufgeatmet.
Da haben Sie aber Glück dass ich so eine Nette bin, hat sie gemeint und ich hab genickt wie eine Blöde. Haben Sie nicht gewusst dass man da was zahlen muss, hat sie gefragt.
Ich hab herumgedruckst und die Frau hat sich wahrscheinlich gedacht, dass ich nicht ganz dicht bin und dass man das drum nicht so eng sehen darf,weil sie hat dann gesagt, dass das normalerweise 30.000 Schilling kosten täte plus Nachzahlung und das wäre schon teuer und ich hab eh nie ein Geld und ich muss eh schon wutzeln, weil ich mir die Tschicks nicht mehr leisten kann.
Ich hab dann vor lauter Schock nicht mal mehr meine neue Telefonnummer auswendig gewusst, aber da wars eh schon soweit, dass die Frau nichts mehr überraschen hat können.
Am Schluß hat sie mich getröstet und hat gesagt, dass sie ein gutes Herz hat und verständnisvoll ist sie auch, weil das ist ihr selber mal passiert und drum ist es nicht so schlimm, das mit der Anmeldung.
Wir haben uns dann ganz nett verabschiedet. Finden Sie nicht dass es heute ganz wunderbar nach nassem Sommer-Asphalt riecht, hat die Kontrollfrau gefragt. Ja, hab ich gesagt, wie früher.
Mira_Bellenbaum - 23. Jul, 11:05
Mira_Bellenbaum - 2. Jun, 13:53
Letzte Woche, an dem Tag, als es zum ersten Mal nach ziemlich langer Zeit geregnet hat und sich das bisschen Regen mit dem überall herumliegenden Blütenstaub zu einem unfassbar glitschigen Film vermischt hatte, hat das mit dem Lässig-in-die-Kurve-legen nicht so geklappt.
Ich kann mich nicht mal erinnern, wie ich gerutscht bin. Ich lag schon auf der Straße, bevor ich merkte, dass ich kein Moped mehr unterm Hintern hatte.
Dazu muss ich sagen, ich bin ja letztes Jahr von einem Auto angefahren worden. Da war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Und damals sah ich das Auto auf mich zukommen. Obwohl das Ganze innerhalb von 4-5 Sekunden vorbei war, hatte ich massig Zeit, mir 1000 unwichtige Gedanken zu machen - über das ironischerweise wie die Faust aufs Auge passende Lied von The Mars Volta aus meinen Kopfhörern, über die Automarke, über den Bart des Fahrers, den ich betrachtete, als ich mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe knallte, über mein Fahrrad, darüber ob ich alles richtig gemacht hatte und zum Schluß, als ich auf der Straße lag und ein Autoreifen sich scheinbar unaufhaltsam meinem Gesicht näherte, darüber, dass es wohl besser war, die Kopfhörer von meinem iPod in meiner Tasche zu verstauen, damit man mich nicht deswegen für den Unfall verantwortlich machen konnte.
Aber dieses Mal ging alles viel schneller. Die unwichtigen Gedanken waren trotzdem wieder zur Stelle. Aber als es vorbei war: Oh nein, jetzt ist das schöne, alte Moped zerkratzt! Oh mein Gott, hoffentlich ist dem MacBook in meiner Tasche nix passiert! Hab ich die geliehene Regenjacke schmutzig oder gar kapputt gemacht? Oh, mein Knie tut weh!
Vom gegenüberliegenden Spielplatz rannte ein Junge, ca. 10 Jahre alt, auf mich zu und rief: "Ist Ihnen was passiert? Geht's Ihnen gut?" Der siezt mich?, dachte ich. Jetzt werd ich wohl echt langsam alt.
"Alles ok.", sagte ich. Und er fragte: "Aber was ist mit ihrem Fuß?"
Ich krempelte die Hose rauf und zeigte ihm mein Knie. Es wurde langsam violett, sah aber nicht weiter schlimm aus. Er sah nicht überzeugt aus. "Mal sehn, ob das Moped noch läuft.", meinte ich und er antwortete fachmännisch: "Klar läuft das. Aber Sie dürfen nicht mit der Vorderbremse bremsen, das ist viel zu gefährlich!" Tja, was soll ich sagen, der Kleine hatte natürlich recht. Ich war einfach unkonzentriert gefahren. Ich lächelte ihn an und bedankte mich für seine Hilfe und dafür, dass er so lieb gewesen war. Dann fuhr ich heim. Auf dem Weg merkte ich, dass mein Fuß schmerzte und als ich runterschaute, sah ich das Blut aus dem Schuh tropfen.
Also ich kann Euch nur sagen: es ist wahr! Mit Flip-Flops Moped fahren ist nicht so gut. Mein Fuß sah aus, als hätte ich ihn mit einer Käsereibe bearbeitet. Und das tut bis heute saumäßig weh. Schuhe sind im Moment meine Feinde.
Ja, ich pass in Zukunft wieder besser auf mich auf
-versprach Mira Bellenbaum und hinkte zum Kühlschrank.
Mira_Bellenbaum - 12. Mai, 11:02
Gerade war ich bei einer Freundin zum Essen eingeladen. Es war so ein typischer Weiberabend mit viel Durcheinander-Gequatsche und Gelächter.
Am Ende des Abends erwähnte ich, dass ich - Freak, der ich nun mal bin - den Freitag Abend damit verbracht hatte, auf arte die google-Doku und den Pirates of the Silicon Valley-Film anzuschauen. Also ich, als bekennender Mac-User und -Liebhaber, sage also laut, dass ich zwar den Film nicht bis zum Ende gesehen habe (weil ich ihn aufgezeichnet habe!), aber dass ich genug gesehen hätte, um verwundert darüber zu sein, was für eine Art Mensch denn Steve Jobs sei. Ich weiss nicht warum, aber ich hätte mir einfach von einem Apple-Menschen etwas mehr Menschlichkeit erwartet und der kam eben eher als Arsch rüber.
Bill Gates wurde im Film - zumindest bis ich den Fernseher abdrehte - als netter Typ dargestellt.
Meine Tischnachbarin, eine fanatische Apple-Anhängerin sondergleichen, begann sofort wutentbrannt Steve Jobs zu verteidigen und dafür Bill Gates zu verfluchen. Steve Jobs habe eben eine Vision und um die zu verwirklichen könne man ja nicht immer nett sein. Bill Gates nutze sein unschuldiges, hässliches Gesicht um die ganze Welt zu verarschen, seine Stiftung sei ein Fake und was das schlimmste sei: er verkaufe Microsoft Produkte.
Die restlichen Leute am Tisch beobachteten amüsiert, wie sehr sie sich in das Thema reinsteigerte. Schließlich hatte ich die folgenschwere Idee die Provokation auf die Spitze zu treiben und meinte scherzhalber: "Jetzt, wo ich den Film gesehen habe, find ich es direkt schade, dass nicht Bill Gates den Apple erfunden hat."
Die Frau, die gerade einen Schluck Wasser zu sich nahm, knallte das Glas auf den Tisch, hustete, verschluckte sich, sprang auf und rannte dann völlig kopflos zur Toilette, wo sie sich 5 Minuten lang erbrach. Ich denke das spricht nicht gerade für Microsoft
- grinste Mira Bellenbaum und rieb sich mit AfterSun-Lotion ein.
Mira_Bellenbaum - 23. Apr, 00:02
… jubelte Mira Bellenbaum und freute sich einen ab.
Einer der besten Tage meines Lebens. Ich hab geweint. Pete & Carl reunited.

Mira_Bellenbaum - 14. Apr, 02:33
Meine Freunde sind gute Freunde. Manche noch bessere. Mit Freunden redet man, wenns einem gar nicht gut geht, oder?
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht wirklich in Worte ausdrücken kann, was genau mir weh tut.
Manchmal wünschte ich mir, ich könnte offen sprechen. Und dann öffne ich den Mund und es kommt einfach nichts raus. Und dann wechseln die Freunde das Thema. Und dann geht das Leben trotzdem weiter.
- seufzte Mira Bellenbaum und blinzelte in die Sonne
Mira_Bellenbaum - 10. Apr, 12:04
…am Ende des Lichts. Heute: Die Aeronauten.
@superflokati: Diesmal wars der Bassist :)

Mira_Bellenbaum - 31. Mär, 00:11